Wärmere Zukunft für die Arktis
WWF fordert sofortige Beschränkung der CO2-Emissionen
Reykjavik (3. November 2004) - Ein umfassender wissenschaftlicher Bericht
kommt zu dem Schluss, dass sich die nördliche Eisdecke doppelt so schnell
erwärmt wie der Rest der Welt und dass das zu ernsten Konsequenzen für den
Planeten führt. Diese inkludieren einen erheblichen Anstieg der
Meeresspiegel und eine Intensivierung der globalen Erwärmung durch
Rückkopplungseffekte, obwohl es auch Vorteile gibt. Die vierjährige
wissenschaftliche Erhebung wurde von einem internationalen Team von 300
Wissenschaftlern für das
Arktische Konzil, das aus acht Nationen besteht, die über einen Zugang zur
Arktis verfügen, durchgeführt.
Jennifer Morgan vom
WWF (World Wildlife Fund), Zuständige für den Klimawandel, kommentiert den
aktuellen Bericht folgendermaßen: "Das große Schmelzen hat begonnen. Die
Industrieländer führen ein unkontrolliertes Experiment durch, um die Effekte
des Klimawandels zu studieren, und die Arktis ist ihr Versuchstier. Das ist
unethisch und falsch. Sie müssen die CO2-Emissionen sofort eindämmen." Die
Wissenschaftler haben fünf Klimamodelle erstellt. Eines dieser Modelle sagt
vorher, dass die Arktis 2070 so warm sein wird, dass im Sommer gar kein Eis
mehr vorhanden ist. Ein anderes geht davon aus, dass die Eisverteilung der
Arktis bis 2100 um 50 bis 60 Prozent zurückgehen wird.
Die Arktis ist als erstes betroffen
Die Arktis wird der erste Teil der Erde sein, der von der globalen Erwärmung
betroffen ist, weil die Erwärmung am nördlichen Pol durch
Rückkopplungseffekte verstärkt wird. Schnee und Eis reflektieren 80 bis 90
Prozent der Sonnenstrahlung zurück in den Weltraum. Wenn diese weißen
Oberflächen verschwinden, wird mehr solare Strahlung vom darunter liegenden
Land oder Meer als Hitze absorbiert. Diese Hitze wiederum schmilzt mehr
Schnee und Eis. Ein anderer Grund für die Sensibilität der Arktis ist, dass
die Luft extrem trocken ist. Das bedeutet, dass weniger Energie benötigt
wird, um Wasser zu verdampfen. Diese bleibt als Hitze übrig.
Eine wärmere Arktis hat viele Konsequenzen. "Es ist eine Wertfrage. Für die
Ölindustrie ist es ein Vorteil, wenn das Eis verschwindet, weil der Zugang
zu Öl- und Gasreserven verbessert wird", erklärt der Vizevorsitzende des
Komitees für den Bericht Pal Prestrud. 25 Prozent der verbleibenden Reserven
befinden sich in der Arktis. Dagegen sind die Inuit, die am Eis leben,
nachhaltig bedroht. Das schmelzende Eis und das Auftauen der Tundra hat
einen großen Einfluss auf wild lebende Tiere. Spezies wie der Eisbär und
viele Tausende andere sind höchst gefährdet.
Treibhausgasreduktion finanziell machbar
Um die Folgen der globalen Klimaerwärmung in den Griff zu bekommen, sind
nach Aussagen des britischen Forschers John Schellnhuber nur etwa 0,3
Prozent des globalen Bruttosozialprodukts erforderlich, berichtet
BBC-online. Der Forscher, der bei einer Konferenz in Berlin die Zahlen
nannte, ist auch der Ansicht, dass schleunigst etwas gegen die Erwärmung zu
unternehmen sei, ansonsten drohen Katastrophen.
Als Schritte gegen eine Erwärmung komme nur eine Reihe von Maßnahmen in
Frage, erklärte der Wissenschaftler, der Forschungsdirektor des
Tyndall Centre for Climate Change an der East Anglia University ist. Dazu
zähle eine Effizienz-Steigerung der Kraftfahrzeuge sowie eine verbesserte
Energiebilanz von Gebäuden. Wo es möglich sei, müssten Kohle, Öl und Gas
durch andere umweltfreundlichere Energiequellen ersetzt werden. Auch müsse
das Abholzen der großen Waldgebiete unbedingt eingeschränkt werden.
Kontroversiell argumentiert Schellnhuber für den Einsatz von Atomenergie um
das Verbrennen von Kohle zu vermindern.
Kosten betragen 0,3 Prozent des globalen BSP
In den Hochrechnungen schätzt Schellnhuber die Kosten dieser Maßnahmen
auf etwa 0,3 bis 0,5 Prozent des gesamten Bruttosozialprodukts aller Länder.
Der Experte glaubt, dass unter allen Umständen die Erwärmung verhindert
werden müsse. "Die Steigerungsrate der Kohlendioxidwerte in den vergangenen
zwei Mio. Jahren ist beispiellos", so der Wissenschaftler. Allein seit der
industriellen Revolution ist der CO2-Wert um mehr als 30 Prozent auf heute
380 ppm gestiegen. "Ohne Maßnahmen wird dieser Wert auf 1.000 ppm bis zum
Jahr 2100 steigen", zeigt sich der Fachmann überzeugt. "Es gibt keine
magische Waffe gegen die globale Erwärmung, sondern nur eine Reihe von zu
setzenden Maßnahmen", meint Schellnhuber.
Der Wissenschaftler gibt auch zu bedenken, dass eine Verdoppelung der
CO2-Werte automatisch eine Temperaturerhöhung von mindestens 1,5 bis sechs
Grad Celsius mit sich bringen würde. Nach jüngsten Ergebnissen ist eine
Steigerung um drei Grad am wahrscheinlichsten. (pte/mg,
ww)
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